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Was ist Innovation?

Innovation ist zum Schlagwort geworden. Ein Blick auf Herkunft und Grenzen des Begriffs und auf die Frage, was Innovation in der Medizin bedeuten muss.

Von PD Dr. med. Tobias Schäfer, M.Sc. ·

„Most current social, economic and environmental challenges require creative solutions based on innovation and technological advance.“

OECD 20104

Ein Schlagwort für alles

Innovation ist ein Buzzword, wir finden es überall: das neueste Smartphone, das aktuelle Elektroauto, alles innovativ. Selbst Bayern ist inzwischen innovativ1. Unsere Gesellschaft ist fasziniert vom Innovativen2, und innovativ zu sein gilt als besser, als es nicht zu sein3. Innovationen erscheinen als Allheilmittel: Sie retten nicht nur stagnierende Unternehmen, sondern sollen auch die großen Herausforderungen lösen, vom Klimawandel bis zur Finanzkrise3,4.

Wir unterscheiden inkrementelle und disruptive Innovationen5, offene und geschlossene. Aber was ist das eigentlich, Innovation? Der Duden nennt zwei Bedeutungen: die „geplante und kontrollierte Veränderung, Neuerung in einem sozialen System durch Anwendung neuer Ideen und Techniken“ und die „Realisierung einer neuartigen, fortschrittlichen Lösung für ein bestimmtes Problem, besonders die Einführung eines neuen Produkts oder die Anwendung eines neuen Verfahrens“. Dahinter steht vor allem eine Idee: die Kommerzialisierung technologischer Erfindungen6,7. McKinsey formuliert es so: „Innovation is the systematic practice of developing and marketing breakthrough products and services for adoption by customers.“8

Schumpeter und die langen Wellen

Diese Verbindung von Innovation mit Technologie und Wirtschaft geht auf Joseph Schumpeter (1883–1950) zurück. Für ihn sind „kapitalistisches Unternehmen“ und „technologischer Fortschritt“ ein und dasselbe9. Der Unternehmer sucht immer neue Geschäftsmöglichkeiten. Den Vorsprung vor seinen Wettbewerbern erreicht er, indem er Prozesse und Produkte anders macht. So entsteht Innovation. Kleine Firmen sind im Wettbewerb auf solche Innovationen angewiesen; sie haben ein „temporäres Monopol“, bis große Firmen sie kopieren.

Dieser Innovationszyklus treibt die Wirtschaft an. Den Vorarbeiten von Nikolai Kondratieff folgend, beschreibt Schumpeter daraus lange Wellen der Konjunktur und die Industrien, die sie tragen: um 1845 Dampfmaschine und Eisenbahn, um 1900 Elektrizität und Verbrennungsmotor10. Auffällig ist, dass die Wellen immer kürzer werden.

Die langen Wellen der Wirtschaft

  1. 17851. Welle · 60 JahreWasserkraft, Textilien, Eisen
  2. 18452. Welle · 55 JahreDampf, Eisenbahn, Stahl
  3. 19003. Welle · 50 JahreElektrizität, Chemie, Verbrennungsmotor
  4. 19504. Welle · 40 JahrePetrochemie, Elektronik, Luftfahrt
  5. 19905. Welle · 30 JahreDigitale Netzwerke, Software, Neue Medien
  6. 20206. Welle · 25 JahreDigitalisierung (KI, IoT, Robotik), Clean Tech
Jede Welle wird von neuen Leittechnologien getragen und ist kürzer als die vorige. Quelle: Neufeld 202111

Fortschritt und Niedergang

Technologische Innovation ist ein zwingender Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung. In diesem Verständnis ist sie aber nicht per se etwas Gutes: Indem sie den Zyklus antreibt, ist sie für Fortschritt und Niedergang gleichermaßen verantwortlich. Die Philosophie der Innovation spricht von ihrem „faustischen“ Charakter6,12. Sie fragt auch, ob Innovation überhaupt an Technologie gebunden ist. Stehen nicht Prozesse im Vordergrund? Und müssen Innovationen immer neue Technologien hervorbringen, wie das Beispiel sozialer Innovationen zeigt?6

Für die Wirtschaft manifestieren sich Innovationen dagegen immer in Produkten und Dienstleistungen. Entsprechend praktisch sind ihre Fragen: Lassen sich Innovationen vorhersagen und planen? Wie managt man sie, und wie sichert man sie ab?

Und in der Medizin?

Durch die feste Verbindung von Technologie und Innovation wird der Begriff in der Medizin fast ausschließlich für die Medizintechnik verwendet. Doch wie entsteht Fortschritt in der Medizin? Wie unterscheidet er sich vom wirtschaftlichen Innovationsverständnis? Und können Unternehmen überhaupt Träger medizinischer Innovationen sein?

Unser Verständnis von Innovation in der Medizin

Für uns beginnt Innovation in der Medizin nicht beim Produkt, sondern beim Menschen. Ihr Maßstab ist nicht, ob sich etwas verkaufen lässt, sondern ob Menschen gesünder werden, besser versorgt sind und sich im System zurechtfinden. Medizinischer Fortschritt entsteht oft dort, wo kein Markt ihn belohnt: in einer besseren Abstimmung zwischen Praxis und Klinik, in verständlicher Information oder in einer Therapie für eine Erkrankung, die für die Industrie wenig attraktiv ist.

Unternehmen bleiben wichtig, denn ohne sie erreicht kaum eine Therapie die Patientinnen und Patienten. Aber sie sind nicht die einzigen Träger medizinischer Innovation. Sie braucht Forschung, Versorgung, Kostenträger, Politik und Patientinnen und Patienten gemeinsam. Daraus leiten wir drei Grundsätze ab:

  • Rethinking Health: Wir fragen zuerst nach dem Problem in der Versorgung, nicht nach der Technologie, die eine Anwendung sucht.
  • Connecting Care: Wir bringen die Akteure zusammen, die eine Lösung tragen müssen, über Sektorengrenzen hinweg.
  • Creating Impact: Wir messen Innovation an ihrer Wirkung für Patientinnen, Patienten und Gesellschaft, nicht an Neuheit oder Umsatz.

So verstanden ist Innovation kein Schlagwort, sondern eine Aufgabe: dafür zu sorgen, dass gute Ideen in der Versorgung ankommen. Wie das konkret aussieht, zeigen unsere Leuchtturmprojekte.

Quellen

  1. Bayern Innovativ – Innovation leben. bayern-innovativ.de
  2. Cultures of Technology and the Quest for Innovation. Berghahn Books, 2006.
  3. Godin, B. Innovation Contested. Routledge, 2015. doi:10.4324/9781315855608
  4. OECD & International Development Research Centre. Innovation and the Development Agenda. OECD, 2010. doi:10.1787/9789264088924-en
  5. Christensen, C. M. The Innovator’s Dilemma. Harper Business, 2011.
  6. Blok, V. What Is Innovation? Laying the Ground for a Philosophy of Innovation. Techné: Research in Philosophy and Technology 25, 72–96 (2021). PhilPapers
  7. von Schomberg, L. & Blok, V. The turbulent age of innovation. Synthese 198, 4667–4683 (2021). Volltext
  8. McKinsey & Company. What is innovation? 2022. mckinsey.com
  9. Schumpeter, J. A. Capitalism, Socialism and Democracy. Mit einer Einleitung von J. E. Stiglitz. Routledge (Erstausgabe 1942).
  10. Schumpeter, J. A. The Theory of Economic Development. Routledge, 2021.
  11. Neufeld, D. Long Waves: The History of Innovation Cycles. Visual Capitalist, 2021. visualcapitalist.com
  12. Blok, V. Philosophy of Innovation: A Research Agenda. Philosophy of Management 17, 1–5 (2018). Volltext